WM 2026 Favoritencheck: Die Titelfavoriten im Test

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Die üblichen Verdächtigen – und ein paar Neue
Wenn ich mir die Favoritenlisten für grosse Turniere anschaue, fallen mir zwei Dinge auf. Erstens: Die gleichen fünf bis sechs Namen tauchen seit Jahrzehnten auf. Brasilien, Deutschland, Frankreich, Argentinien, Spanien – manchmal England oder Italien. Zweitens: Mindestens einer dieser Favoriten scheitert spektakulär. Deutschland 2018 in der Gruppenphase. Spanien 2014 mit einem 1:5 gegen die Niederlande. Frankreich 2002 ohne ein einziges Tor.
Für die WM 2026 stehen die üblichen Verdächtigen wieder ganz oben auf den Wettlisten. Argentinien als Titelverteidiger, Frankreich als Vize-Weltmeister, England nach Jahren konstanter Leistungen, Brasilien mit ewig hohen Erwartungen, Deutschland als Gastgebernachbar. Die Quoten variieren zwischen 4.50 und 12.00 – allesamt im Favoritenbereich.
Was sich geändert hat: Die Dominanz einzelner Stars weicht der Kadertiefe. Früher konnte ein Maradona oder ein Zinédine Zidane ein ganzes Turnier allein entscheiden. Heute gewinnt, wer auf jeder Position zwei Spieler mit Weltklasse-Potenzial aufbieten kann. Verletzungen, Sperren, taktische Anpassungen – wer keinen Plan B hat, scheitert früh. In diesem Favoritencheck analysiere ich die WM 2026 Favoriten nach genau diesem Kriterium: Wer hat die Tiefe, um sieben Spiele auf höchstem Niveau zu überstehen?
Argentinien: Kann Messi noch einmal?
Im Dezember 2022 weinte Lionel Messi vor Freude, als er endlich den WM-Pokal in Händen hielt. Das Bild ging um die Welt. Argentinien hatte nach 36 Jahren wieder einen Weltmeistertitel, und der beste Spieler seiner Generation hatte seine Karriere gekrönt. Die Frage für 2026 lautet: Kann Messi mit 38 Jahren nochmals auf diesem Niveau spielen – und braucht Argentinien ihn überhaupt noch?
Die körperlichen Daten sind nicht ermutigend. Messis Sprintgeschwindigkeit hat seit 2022 spürbar abgenommen. In der MLS bei Inter Miami zeigt er Brillanz in Momenten, aber keine 90-Minuten-Leistungen mehr. Bei der Copa América 2024 musste er mehrfach früh ausgewechselt werden. Ein WM-Turnier mit potenziell sieben Spielen in 30 Tagen ist eine andere Belastung als Vereinsspiele mit Rotation.
Trainer Lionel Scaloni hat das Problem erkannt und die Mannschaft schrittweise von Messis Schultern befreit. Enzo Fernández übernahm die Spielgestaltung im Mittelfeld. Julián Álvarez und Lautaro Martínez teilen sich die Sturmarbeit. Alexis Mac Allister sichert den Raum vor der Abwehr. Die Defensive um Cristian Romero und Lisandro Martínez war schon 2022 die beste des Turniers.
Was für Argentinien spricht: Der Zusammenhalt. Diese Mannschaft hat gemeinsam den grössten Erfolg erlebt und will ihn verteidigen. Der Hungergrad ist anders als bei Teams, die seit Jahrzehnten erfolglos sind. Ausserdem ist die Gruppe J mit Algerien, Österreich und Jordanien vergleichsweise leicht – ein sanfter Einstieg für einen Titelverteidiger.
Ein Faktor, den viele unterschätzen: Die Copa América 2024. Argentinien holte den Titel erneut – das dritte grosse Turnier in Folge nach der Copa 2021 und der WM 2022. Diese Siegesserie schafft ein Selbstverständnis, das andere Teams nicht haben. Die Spieler wissen, wie man Finals gewinnt. Sie kennen den Druck, die Erwartungen, die Momente, in denen alles auf der Kippe steht.
Mein Urteil: Argentinien gehört zu den Top-3-Favoriten, aber die Messi-Frage ist ein echtes Risiko. Wenn er fit bleibt und sein Genie in entscheidenden Momenten aufblitzt, kann Argentinien den Titel verteidigen. Wenn er als Halbinvalide mitgeschleppt wird, könnte das die Teamchemie stören. Meine Einschätzung: 15 Prozent Titelwahrscheinlichkeit.
Frankreich: Der Generationswechsel
Zwei WM-Finals in Folge – 2018 gewonnen, 2022 verloren. Frankreich hat in den letzten Jahren eine Konstanz gezeigt, die in der modernen Fussballgeschichte selten ist. Didier Deschamps, seit 2012 Nationaltrainer, hat ein System etabliert, das Talente integriert, ohne die Stammelf zu destabilisieren. Die Frage ist nicht, ob Frankreich gut ist, sondern ob der unvermeidliche Generationswechsel bis 2026 gemeistert wird.
Der Kader ist ein Luxusproblem. Kylian Mbappé, nun bei Real Madrid, bleibt der Fixpunkt im Angriff. Um ihn herum haben sich Spieler etabliert, die 2018 noch Nachwuchshoffnungen waren: Aurélien Tchouaméni im defensiven Mittelfeld, Eduardo Camavinga als dynamischer Achter, William Saliba in der Innenverteidigung. Dazu kommt die erfahrene Garde: Griezmann, Giroud, Kanté – allesamt mit WM-Titelerfahrung.
Was Frankreich auszeichnet, ist die taktische Flexibilität. Deschamps kann auf 4-3-3 setzen, wenn er Dominanz braucht, oder auf 5-3-2 umstellen, wenn Defensive gefragt ist. Im Finale 2022 gegen Argentinien zeigte er beides in einem Spiel. Diese Anpassungsfähigkeit ist bei Turnieren Gold wert – kein Gegner kann sich vorbereiten.
Die Risikofaktoren sind überschaubar. Verletzungssorgen bei Schlüsselspielern könnten schmerzen – Mbappés Nasenverletzung bei der EM 2024 war ein Warnsignal. Ausserdem hat Frankreich in Gruppe I mit Senegal und Norwegen zwei Gegner, die Ärger machen können. Aber die Kadertiefe sollte das kompensieren.
Ein unterschätzter Vorteil: Die mentale Stabilität. Deschamps hat in seiner Amtszeit nie zwei grosse Turniere in Folge verpasst oder früh ausgeschieden. WM 2014 Viertelfinale, EM 2016 Finale, WM 2018 Titel, EM 2021 Achtelfinale gegen die Schweiz war der einzige Ausrutscher, WM 2022 Finale, EM 2024 Halbfinale. Diese Konstanz kommt nicht von ungefähr – sie ist das Ergebnis perfekter Vorbereitung und eiserner Disziplin.
Mein Urteil: Frankreich ist der vollständigste Favorit im Feld. Keine offensichtlichen Schwächen, maximale Erfahrung, hungrig nach dem verlorenen Finale. Meine Einschätzung: 22 Prozent Titelwahrscheinlichkeit – der höchste Wert aller Teams.
England: Endlich der Durchbruch?
Die Statistik ist brutal: England hat seit 1966 kein grosses Turnier mehr gewonnen. 58 Jahre Leiden. Halbfinale WM 2018, Finale EM 2021, Viertelfinale WM 2022 – immer nah dran, nie über die Ziellinie. Bei jedem Turnier wird der Druck grösser, die Erwartungen höher, die Enttäuschung bitterer.
Der Kader für 2026 ist der beste, den England je hatte. Jude Bellingham hat sich bei Real Madrid zum Weltklasse-Spieler entwickelt und wird 2026 mit 22 Jahren in der Blüte seiner Karriere stehen. Bukayo Saka und Phil Foden liefern Kreativität auf den Flügeln. Declan Rice sichert das Mittelfeld ab. Harry Kane bleibt trotz seines Alters ein Elite-Stürmer.
Was England fehlt, ist die Turnier-Mentalität. Die Three Lions spielen oft zu vorsichtig, wenn es darauf ankommt. Elfmeterschiessen sind ein historisches Trauma – selbst die Siege gegen Kolumbien 2018 und die Schweiz 2024 waren Nervenkitzel bis zur letzten Sekunde. Ein Trainer, der dieser Mannschaft den letzten psychologischen Schub gibt, könnte den Unterschied machen.
Die Trainerfrage ist offen. Gareth Southgate hat nach der EM 2024 sein Amt niedergelegt. Sein Nachfolger muss die Balance finden zwischen Southgates defensiver Stabilität und mehr Offensivmut. Wer auch immer übernimmt, erbt eine Mannschaft, die nur noch den letzten Schliff braucht. Die Infrastruktur stimmt, die Spieler sind da – es fehlt nur noch das letzte Puzzleteil.
Gruppe L mit Kroatien, Ghana und Panama ist anspruchsvoll, aber machbar. Kroatien ist der gefährlichste Gegner – ein Team, das England bei der WM 2018 ausschaltete. Das Wiedersehen wird emotional. Ghana kann mit seiner Athletik überraschen, während Panama als Aussenseiter wenig Druck hat.
Mein Urteil: England hat die Qualität für den Titel, aber muss endlich die mentale Hürde überwinden. Wenn alles zusammenkommt – Form, Losglück, ein bisschen Magie – kann 2026 das Jahr sein. Meine Einschätzung: 18 Prozent Titelwahrscheinlichkeit.
Brasilien: Zurück zur alten Stärke?
Fünf WM-Titel, der letzte 2002. Seitdem: Viertelfinale, Halbfinaldebakel 2014, Viertelfinale, Viertelfinale. Brasilien ist vom Dauerfavoriten zur chronischen Enttäuschung geworden. Die Seleção produziert nach wie vor Weltklasse-Individualisten, aber irgendwie fügt sich das Puzzle nicht mehr zusammen.
Die Qualifikation für die WM 2026 war holprig. Zwischenzeitlich stand Brasilien ausserhalb der direkten Qualifikationsplätze – undenkbar für eine Fussballnation dieser Grösse. Trainerwechsel, Generationskonflikte, fehlende taktische Identität – die Seleção wirkte orientierungslos.
Der Kader hat dennoch Weltklasse-Potenzial. Vinícius Júnior bei Real Madrid ist einer der besten Spieler der Welt. Rodrygo neben ihm komplettiert ein gefährliches Offensiv-Duo. Im Mittelfeld haben Bruno Guimarães und Lucas Paquetá europäisches Niveau. Die Defensive um Marquinhos und Éder Militão ist solide.
Was Brasilien fehlt, ist ein echtes Pressing-System. Moderne Top-Mannschaften gewinnen den Ball hoch und ersticken Gegner im Aufbau. Die Seleção spielt immer noch auf individuelle Brillanz – das reicht gegen schwächere Gegner, aber nicht gegen taktisch ausgeklügelte Europäer.
Die Gruppenkonstellation ist interessant. Gruppe C mit Marokko, Haiti und Schottland sollte Brasilien dominieren, aber Marokko hat bei der WM 2022 gezeigt, dass es auch gegen Brasilien-Niveau bestehen kann. Ein enges Duell um Platz eins ist möglich. Haiti und Schottland werden um Platz drei kämpfen.
Mein Urteil: Brasilien ist ein Wackelkandidat. Die Einzelspieler sind da, aber das Kollektiv überzeugt nicht. Ohne einen Trainer, der diese Mannschaft formt, wird der sechste Stern ein Traum bleiben. Meine Einschätzung: 10 Prozent Titelwahrscheinlichkeit.
Deutschland: Heimatnah zum Titel?
Die Heim-EM 2024 war für Deutschland ein Wendepunkt. Nach dem WM-Debakel 2022 in Katar – Gruppenaus gegen Japan und Costa Rica – schien die Mannschaft am Boden. Dann kam Julian Nagelsmann und transformierte das Team. Spannung, Spielfreude, Ergebnisse. Das Aus im Viertelfinale gegen Spanien war bitter, aber die Mannschaft hatte sich rehabilitiert.
Für die WM 2026 in Nordamerika bringt Deutschland nicht den gleichen Heimvorteil wie bei der EM 2024. Aber die geografische Nähe – kurze Flugzeiten, minimaler Jetlag, viele deutsche Fans vor Ort – könnte helfen. Die Spiele in den USA finden zudem in Zeitzonen statt, die für deutsche Zuschauer akzeptabel sind.
Der Kader ist im Umbruch. Die Generation um Müller, Neuer und Gündogan tritt ab. Jüngere wie Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz übernehmen. Musiala ist das Ausnahmetalent – ein Spieler, der Spiele allein entscheiden kann. Wenn er bei der WM 2026 auf seinem Top-Niveau spielt, ist Deutschland für jeden gefährlich.
Gruppe E mit Côte d’Ivoire, Ecuador und Curaçao ist machbar. Deutschland sollte als Gruppensieger durchmarschieren. Die Frage ist, was danach kommt. Im Achtelfinale könnte ein Gruppenzweiter wie die Niederlande oder Portugal warten – frühe Prüfungen.
Der Faktor Nagelsmann ist entscheidend. Der junge Trainer hat bei Bayern München gezeigt, dass er grosse Kader führen kann. Bei der Nationalmannschaft hat er einen anderen Ansatz: mehr Pressing, mehr Flexibilität, weniger starre Hierarchien. Ob das bei einem Turnier mit maximal einem Monat Vorbereitung funktioniert, wird sich zeigen.
Mein Urteil: Deutschland ist wieder konkurrenzfähig, aber noch nicht Titelfavorit. Die Mannschaft braucht noch ein Jahr Entwicklung unter Nagelsmann. 2026 könnte zu früh kommen – oder genau der richtige Moment für eine neue Generation. Meine Einschätzung: 9 Prozent Titelwahrscheinlichkeit.
Mein Favoritenranking
Nach der Einzelanalyse fasse ich meine Bewertung in einem Ranking zusammen. Ich vergebe Punkte in vier Kategorien: Kadertiefe, Turniererfahrung, taktische Flexibilität und mentale Stärke. Jede Kategorie maximal 10 Punkte.
Frankreich führt mein Ranking mit 36 von 40 Punkten. Kadertiefe: 10 – niemand hat mehr Alternativen auf jeder Position. Turniererfahrung: 9 – zwei Finals in Folge sprechen für sich. Taktische Flexibilität: 9 – Deschamps kann alles spielen. Mentale Stärke: 8 – das verlorene Finale 2022 könnte nachwirken.
England folgt mit 34 Punkten. Kadertiefe: 9 – stark besetzt, aber in der Abwehr dünn. Turniererfahrung: 8 – konstante Leistungen, aber keine Titel. Taktische Flexibilität: 8 – unter Southgate manchmal zu starr. Mentale Stärke: 9 – die junge Generation hat weniger Trauma als die Vorgänger.
Argentinien erreicht 33 Punkte. Kadertiefe: 8 – stark, aber ohne Messi fehlt der Gamemaker. Turniererfahrung: 10 – amtierender Weltmeister, Copa-América-Sieger. Taktische Flexibilität: 7 – Scaloni hat ein System, das von Messi abhängt. Mentale Stärke: 8 – der Titelverteidiger-Druck ist real.
Brasilien kommt auf 29 Punkte. Kadertiefe: 9 – Talente im Überfluss. Turniererfahrung: 6 – keine Erfolge seit 2002. Taktische Flexibilität: 6 – Identitätskrise im Spielsystem. Mentale Stärke: 8 – die Seleção hat immer Selbstvertrauen.
Deutschland schliesst mit 28 Punkten. Kadertiefe: 7 – im Umbruch, noch nicht eingespielt. Turniererfahrung: 6 – die erfolgreiche Generation ist abgetreten. Taktische Flexibilität: 8 – Nagelsmann experimentiert erfolgreich. Mentale Stärke: 7 – die Narben von 2018 und 2022 sind noch da.
Was sagt dieses Ranking aus? Zunächst einmal, dass die Unterschiede zwischen den Top-Favoriten gering sind. Vier Punkte zwischen Frankreich und Argentinien – das ist der Abstand eines schlechten Tages oder einer Verletzung. Wer am 11. Juni optimal vorbereitet ist und bis zum Finale Glück hat, gewinnt dieses Turnier.
Für detaillierte Analysen aller 48 Teams empfehle ich den Teams-Überblick, wo ich jede Mannschaft einzeln bewerte.